Müssen wir mit unseren Kindern über den Tod sprechen? Und wenn ja, WIE?

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Und plötzlich ist alles still! So erging es mir, als an einem Montagmittag vor 4 Jahren mein Handy klingelte. Eine Mama aus unserem Kindergarten. Sie sprach nicht lange, sondern kam gleich zum Punkt. „Luis ist gestorben. Am Samstagnacht. Plötzlich. Vollkommen unerwartet. Die Rettungssanitäter und der Notarzt versuchten noch über Stunden den kleinen Jungen zurückzuholen, aber nichts zu machen. Er ist Tod.“

Ein vierjähriger Junge. Ohne ersichtliche Vorerkrankungen. Sie wollte mich informieren, weil wir an diesem Tag nicht in der Kita waren und Samuel Bescheid wissen sollte, bevor er am nächsten Tag wieder hinging. Die Erzieher hatten das Thema bereits mit den anderen Kindern begonnen, aber mein Sohn sollte auch Bescheid wissen. Und da stand ich nun. Allein mit der Situation. Mit all den Fragen. Wie bringe ich meinem Kind bei, dass einer seiner Freunde weg ist! Also so ganz weg… weg. Wie bringe ich meinem Kind bei, dass Leben vergänglich ist? Dass wir alle einmal sterben müssen? Plötzlich stand da ein Gespräch zwischen mir und meinem Kind über den Tod. Das Leben. Die Vergänglichkeit. Das Sein. Die Trauer und den Umgang mit Schmerz. Einer noch nie zuvor dagewesenen Dimension.

Ich weiß noch, dass ich wütend wurde. Warum musste uns das passieren? Warum wurde die Unbeschwertheit dieses kleinen Wesens so auf den Prüfstand gestellt! Der Tod stellt so vieles infrage. Ohnehin schon. Aber der Tod eines Kindes verändert alles. Er lässt uns demütig werden.

Müssen wir mit unseren Kindern über den Tod sprechen? Ja, das müssen wir. Er gehört zu uns. Gäbe es den Tod nicht. Gäbe es das Leben nicht. Er schenkt und Demut, Freude und in gewisser Weise auch den Sinn des Lebens. Was würde aus unserem Leben werden, wenn wir Menschen unendlich wären?

Das ist eine wichtige Frage. Es ist im Grunde die Frage überhaupt, um dem Tod mit einer Haltung zu begegnen, die uns nicht vor lauter Angst vor diesem auf den ersten Blick unbändigen Schmerz zurückschrecken lässt. Wir müssen lernen dem Tod auf eine neue Art zu begegnen, um uns selbst die Chance zu gewähren dem Leben auf eine Weise zu begegnen, dass es lebenswert macht, und zwar ohne in Angst zu verharren.

Mit Kindern über den Tod sprechenMir hat der Moment, als ich da saß und so wütend über den Tod wurde gezeigt, dass ich es versäumt hatte mit meinem Kind über das wichtigste überhaupt zu sprechen. Aus Angst den Tod beim Namen zu nennen und ihn damit in unser Leben einkehren zu lassen, habe ich ihn einfach verdrängt. Ich spreche nicht über ihn, also gibt es ihn nicht? So dachte ich. Die Heftigkeit mit der, der Tod dann zu uns kam, offenbarte mir auf schmerzlichste Art und Weise, dass wir dem Tod nicht den Rücken kehren können und nur zu hoffen brauchen. Nach diesem Todesfall geschahen innerhalb kürzester Zeit vier weitere aufeinanderfolgende Trauerfälle. Innerhalb von zwei Jahren erkrankten, starben und gingen Menschen, die ich schätzte, liebte und verehrte. Jeder auf seine eigene Weise. Jeder mit einer andern Art von Schmerz. Aber nicht ohne eine Riesenlücke hier in unserem Leben zu hinterlassen.

An diesem Abend brachte ich meinen kleinen Sohn ins Bett. Wie immer für ihn, aber in meinem Herzen tobte ein Sturm. Ich musste den Tod noch ansprechen. Morgen würde er wieder in die Kita gehen und dort wussten alle Bescheid. Alles ging mir im Kopf umher. Kita wechseln? So lange krank machen, bis das Thema vorüber gezogen war? Doch da sind auch die betroffenen Eltern. Was würde ich mir wünschen, wenn ich diese Mutter wäre, die gerade ihr Kind verloren hätte?

Mit Kindern über den Tod sprechen

Nein, ich konnte es nicht ignorieren. Ich musste da jetzt durch. Für mich. Mein Kind. Das Leben. Das ist Leben. All das hier. Es beiseite zu schieben war nicht der Weg.

„Schatz? Ich muss dir noch etwas sagen, bevor du morgen wieder in die Kita gehst.“

Ich merkte schon wie sich der Kloß in meinem Hals immer weiter verfestigte.

„Mama. Du sprichst so komisch. Was ist denn?“

„Weißt du Schatz, der Linus wird nicht mehr in die Kita kommen. Der ist jetzt woanders.“

„Was meinst du? Mama? Ganz weg?“

Ich weiß nicht wieso, aber mein Kind verstand die Richtung gleich.

„Ja, ganz weg. Oben im Himmel bei meiner Oma und all den Menschen, Tieren und Wesen, die irgendwann einmal gehen.“

„Oh. Das ist schön. Dann kann er von dort oben immer auf mich aufpassen. Er sieht ja alles, oder?“

Und dann liefen sie – meine Tränen.

„Mama, warum weinst du denn?“

Kinderbücher über den Tod

Mit Kindern über den Tod zu sprechen ist nicht einfach, aber sinnvoll. Ich habe es danach die Bücher übernehmen lassen. Wobei der Tod von Kindern SO in Büchern nicht wirklich thematisiert wird. Oft geht ein altes Tier, oder die Oma oder der Opa. Dies wird namentlich in vielen Büchern erwähnt. Das Buch „Weil Du mir so fehlst“ von BOSSE gefällt mir deswegen am besten. Hier wird die Trauer aktiv gestaltet. Es gibt Lieder von Bosse, die heruntergeladen werden können. Es werden aktive Handlungen vorgeschlagen, wie zum Beispiel eine Trauersuppe, die gekocht werden kann. Daneben bietet das Buch viele Seiten zum selbst eintragen, die an den Verstorbenen erinnern können und die gemeinsame Zeit beschreiben. Ich finde es toll, dass hier so aktiv getrauert werden kann.

In all meinen persönlichen Trauerprozessen musste ich feststellen, dass es genau das ist, worauf es ankommt. Je mehr Raum ich dem Thema gebe und meine Gefühle zulasse, desto besser klappt die Verarbeitung. Am Ende ist natürlich immer noch eine große Lücke da, aber die Qualität – damit meine ich – das Empfinden ist ein anderes. Redet, wenn ihr redet wollt. Malt Bilder, wenn ihr Bilder malen wollt. Schreibt Briefe. Gedichte. Geht hin zu einem Ort, der euch an die geliebte Person erinnert. Legt dort Glücksbringer hin und erinnert euch.

Dieses Buch über den Tod war mein Seelentröster. Es geht um die Ente, die sich nach anfänglicher Scheu mit dem Tod anfreundet und verliert so die Angst vorm Sterben. Es ist eine wunderbare Geschichte, um die Angst von diesem Thema zu nehmen. Einfach so. Aber auch wenn jemand stirbt, den man sehr, sehr lieb hatte. Ente Tod und Tulpe ist eins der Kinderbücher über den Tod, das ich jeder Familie nur ans Herz legen kann.

Opas Insel ist ein Must-have in jedem Kinderbuchregal, finde ich. Ich erwähnte ja bereits zu Beginn, dass ich zu spät damit begann über das Thema Tod oder Abschied nehmen im Allgemeinen mit meinen Kindern zu sprechen. Opas Insel verhindert genau das. Es geht in dem Buch um Sam und seinen Opa. Die beiden sind beinah täglich zusammen. Eines Tages möchte Opa aufbrechen. Auf eine Reise. Sam soll ihn begleiten und so planen sie gemeinsam ein großes Abenteuer. Sie packen ihre Sachen. Stechen auf in See auf eine richtig coole Insel. Als sie dort ankommen und sie gemeinsam entdeckt haben, äußert Opa den Wunsch dort bleiben zu wollen. Sam fährt alleine zurück.

Zu Hause angekommen ist Opa weg. Doch eines Tages erhält er eine Brieftaube von Opa. Geht es in dem Buch um den Tod? Man weiß es nicht und irgendwie weiß man es doch. Es geht nicht explizit um den Tod. Eher um das Thema Abschied nehmen. Genau das ist toll, denn dieses Kinderbuch kann einfach nur vorgelesen werden, oder aber man geht in die Tiefe des Themas. Wo ist Sams Opa? Ein Abschied muss nicht länger eine Bedrohung sein. Bei diesem Kinderbuch gilt das Motto: alles kann! Nichts muss! Herrlich.

Weitere Klassiker, die wir auch hier haben sind und ich somit euch sehr ans Herz lege, um dem sensiblen Thema einhalt zu gewähren sind: „Der Baum der Errinnerungen“ „Was mach ich mit meiner Trauer“ „Leb wohl lieber Dach“ und „der Seelenvogel“ über die Welt der Gefühle für Kinder ab 3 Jahren und Erwachsene. Ein Seelenpflaster für die ganze Familie.

Filmtipp

Mit Kindern über den Tod sprechenChecker Tobi hat dazu auch eine sehr wertvolle Folge gedreht. Der Leben- und Sterben-Check. Hier dreht sich kindgerecht, so wie Tobi eben ist, alles um das Thema Sterben und Leben. Ausgangssituation ist der Tod von Checker-Tobis Haustier. Er beschließt ihn zu begraben. Doch so einfach ist das nicht mit dem Tod, nicht wahr? Da kommen noch viele weitere Fragen auf. Und so macht sich Checker Tobi auf die Reise: wie ist das, wenn man stirbt? Und was passiert danach?

Familien und der Tod

Am Ende der Geschichte haben wir alle lange gebraucht, um zu trauern. Samuel verstand plötzlich, dass alles einmal endet. Ich musste mich mit meinen Ängsten auseinandersetzen. Wir alle mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit. Wer entscheidet wer geht und wieso? Samuel sagte oft, dass er es nicht verdient habe zu lebe und er gerne Linus seinen Platz geben möchte. Da schluckt man als Mutter und fragt sich, wer hat es denn verdient? Ist es überhaupt ein Verdienen? Oder gibt es doch so etwas wie Schicksal?

Fragen über Fragen bei dem Thema und alleine deswegen kann ich jedem nur raten – schaut nicht weg. Schaut hin. Beschäftigt euch mit dem Thema. Auch für euch selbst. Wir haben erst kürzlich als Paar und junge Eltern über eine passende Versicherung gesprochen. Es gibt verschiedene Angebote der Ergo, die vor allem unsere Angehörigen entlasten, wenn es einmal so weit sein sollte. Absicherung der Bestattungskosten und Entlastung der Angehörigen. Aufnahme ohne Gesundheitsfragen und keine Wartezeiten bei Unfalltod. Es sind anstrengende Themen, aber für die, die bleiben ist es ein Segen, wenn der Tod geklärt ist.

 

 

Mit Kindern über den Tod sprechen

 


Der Name des verstorbenen Kindes ist von mir geändert worden.

Tags: Alltagsgedanken, Kinder, Leben mit Kindern, Trauer & Tod

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Ich bin 32 Jahre jung. Mama von zwei Kindern. Einem Sohn (01/14) und einer kleinen Tochter (08/16). Gemeinsam leben wir am Stadtrand von Köln. Streifen durch die Wälder, kochen, backen und tanzen zusammen. Meinen Blog gründete ich an einem kühlen Februarmorgen im Jahr 2014, als ich nach der Geburt meines ersten Kindes wieder einmal dachte: "So wir mir, geht es sicherlich vielen anderen Eltern da draußen, wieso spricht denn keiner darüber?" In diesem Augenblick traf ich den Entschluss und offenbahrte meinem Partner: "Liebling? Ich blogge - jetzt!" und das war die Geburtsstunde meines Mamablogs. Schön, dass Du den Weg zu mir gefunden hast!
Wie kann ich meinen kleinen Balkon schön gestalten? Tipps zur Verschönerung Einfach mal einen Gang runterschalten, oder lieber nicht?

Comments

    • Line
    • 1. Juni 2021
    Antworten

    Vielen Dank für deine Worte zu diesem so wichtigen und traurigen Thema! Tolle Tips! Das ein oder andre Buch werde ich mir zulegen. Danke!

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