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Familie

Ich habe Angst

Es ist spät. Du quirlig. Gut drauf. Unsere Sorgen lassen wir hinter uns, denn es geht in die Abendruhe über. Ich mache mir viel zu viele Sorgen, um dich. Ab und an bin ich schier krank vor Sorge, dass uns etwas unvorhergesehenes passiert oder es dir nicht gut geht. Ich bin mir dessen bewusst. Bin mir sogar bewusst, dass uns diese Angst nicht einmal wirklich weiterbringt. Und doch, ist da irgendwas in mir, was mich hemmt loszulassen. Oft bin ich ernst. Zu ernst, weil ich denke, mir läuft etwas aus dem Ruder. Ich sei dir anders keine Stütze oder stabile Schulter in deinem Alltag. Dabei gebe ich mein bestes. Die Angst, um dich mein Kind, lässt mich das Beste nur öfters mal vergessen. Und plötzlich streiche ich dir über deinen zarten Kopf. Spüre kleine Erhebungen an deinem Hinterkopf in Richtung Nacken. Überall sind sie. Zu Hauff zu finden. Ich vergesse alles, dabei müsste ich es doch besser wissen, mein Kind. Ich Google nach „Knubbel Kind am Hinterkopf“ mit der Angst im eigenen Nacken sitzen die schlimmste aller Diagnosen an meinen Kopf geknallt zu bekommen. Ich überlege sogar, ob ich dich gleich einpacken soll und mit dir ins Krankenhaus fahre oder zum Bereitschaftsarzt am Wochenende?

In ein paar Tagen ist unser Termin zur U9, aber hat das wirklich noch so viel Zeit, was sich da an deinem Hinterkopf breit macht? All das habe ich einmal gelernt rational zu beurteilen. Ich, die glasklare Krankenschwester, die ihre Patienten immer mit fachlichem Wissen beruhigte und  einem klaren Verstand ins hier und jetzt zurück holte. Und nun? Sitze ich abends auf der Couch und denke an dieses überschattete „was wäre wenn?“ An das, was wir alle viel zu sehr versuchen komplett aus unserem Dasein zu löschen. Dieses „wenn“, das mich in meiner Arbeit auf der Geriatrie schier um den Verstand brachte, weil ich plötzlich verstand, dass ich irgendwann einmal meine Eltern gehen lassen muss.

Ohne, dass man richtig versteht wie es soweit kommen konnte ist jeder Gedanke voller Trauer und Tod. Ohne den Tod, gäbe es das Leben nicht. Ohne den Abschied, gäbe es kein Wille zu Lebzeiten über sich hinauszuwachsen. Ohne Ende keinen Anfang. Was hat mich im meinem Leben so werden lassen? So kopflos, irrational, teils schon verrückt? Manchmal frage ich mich sogar, ob es meinen Kindern besser gehen würde, wenn ich nicht gleich bei einem Sprachfehler, um die Logopädie kämpfen würde oder in ein „ich will nicht in den Kindergarten“ alle Hebel in Bewegung setze, um verstehen zu lernen, was in ihm vorgeht. Manchmal wäre ich gerne eine Mutter ohne diese eigenen Vorwürfe an mich selbst, dass ich zu hart zu meinen Kindern gewesen bin, zu viel Fernsehen toleriert habe oder den Kopf zu schnell verloren hab. Doch dann, denke ich mir, dass mich all diese Gedanken immer wieder daran erinnern mich selbst zu hinterfragen. Eine gute Mutter zu bleiben, denen ihre Kinder alles bedeutet.

Dann verstehe ich, dass diese Angst in mir nur meine unendlich tiefe Liebe gegenüber zwei zauberhaften Wesen ist, die mich schutzlos, verletzlich und vollkommen neu als Mutter in diese Welt hinein geboren haben. Ich habe als Fachfrau diese unendliche Angst auch nie verstanden, aber heute denke ich mir, vielleicht sollten wir Menschen ab und an etwas menschlicher werden und nicht nur die unwichtige Diagnose sehen, sondern auch den Menschen, der so unfassbar geliebt wird mit seiner Diagnose. Dann sind es nämlich nicht nur Lymphknoten, sondern etwas, das vorher nicht da war und neu ist – ganz gleich, wie unwichtig es in der Medizin auch sein mag. Neues macht eben häufig Angst, nicht wahr?

 

Zum Glück sind die kleinen Knubbel am Hinterkopf ab Schädelmitte bis hin in den Nacken tatsächlich „nur“ geschwollene Lymphknoten, die erbsengroß werden können und häufig vor Infekten auftreten, als Reaktion des Immunsystems.

Ich bin 30 Jahre jung und inzwischen Mama von zwei Kindern. Einem Sohn (01/14) und einer kleinen Tochter (08/16). Gemeinsam leben wir am Stadtrand von Köln. Streifen durch die Wälder. Kochen, backen und tanzen zusammen.

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