Es ist an der Zeit

Ein Mamablog und seine Folgen

// Ich hole mir mein Leben zurück //

 

Seit ich denken kann, bin ich ein Mensch der großen Worte. Bei mir ist entweder alles toll oder alles mies. Ein naja ok – schauen wir mal gibt es selten. Könnte einer in meinen Kopf schauen, wäre er glaube ich ziemlich schnell ziemlich überfordert. Da gehen die Gedanken Tag ein, Tag aus kreuz und quer. Hoch und runter und vielleicht auch mal schräg? Wer weiß das schon? Vielleicht liebe ich das Schreiben deswegen so sehr? Es bringt Ordnung in meinen Kopf. Es lässt mich zur Ruhe kommen. Seit ich denken kann besitze ich ein Tagebuch mit lauter emotionaler Texten über die Welt/mein Leben. Das hier und jetzt und meinen Platz im großen Ganzen. Schon früher gab ich mich nie damit zufrieden einfach nur leben zu dürfen, weil meine Eltern mir dieses Leben schenkten. Ich glaube fest an einen höheren Zweck. Meine Grundschullehrerin, die ohnehin eine der großartigsten Persönlichkeiten gewesen ist, die ich jemals treffen durte, schrieb oder sagte – so genau weiß ich es nicht mehr, dass ich eine alte Seele besitze. Schon früh fing ich an Dinge zu hinterfragen. Gerechtigkeit in meiner Weltansicht an erste Stelle zu setzen. Das Thema bei dem ich mich zutiefst in Rage reden kann. Sah ich, dass jemandem Ungerechtigkeit wiederfuhr sah man plötzlich nicht mehr das sonst so schüchterne Mädchen.

Als ich noch ganz klein gewesen bin, rief ich meinen Papa immer zum Kassetten umdrehen, und eines Abends – ich war wirklich noch klein, schaute ich ihn ganz verzweifelt an und fragte ihn „warum muss Liebe nur so weh tun?„ Heute geht es mir immer noch so. All diese Fragen, auf die es doch nur so wenige Antworten gibt. Zu wenig Menschen, die sich wirklich damit beschäftigen. Als ich diesen Blog damals begann, war er mein Spielplatz für all diese tiefen Emotionen, die in mir schlummerten. Ich tobte mich aus, lebte meinen Traum und wuchs. Meine Leserzahl stieg beachtlich. Die meisten meiner Leser freuten sich über meine Gedanken und dem damit verbundenen Gefühl nicht mehr alleine mit ihren Gedanken zu sein. Zu Hause wurde all dies nicht ganz so positiv betrachtet. Mein Argument: „aber schaut euch doch an WIE viele Menschen meine Texte inspirieren und wenn es nur EIN LEBEN verändert, dann hat es sich doch gelohnt?“ traf auf die harte Realität, dass es nicht nur mein Leben ist. Ich unterhielt mich mit vielen anderen Menschen, die auch gerne schreiben und erfuhr, dass in jeder Familie die Texte durch eine Art gemeinsame Korrekturschleife geleitet wurden.

Ich weiß, dass dies hier nicht gut gehen würde, denn eins habe ich in den letzten Jahren gelernt! Wenn ich eins bin, dann zu theatralisch, zu dramatisch, zu gefühlsbetont, zu viel von allem. Ein Wort verändert in meinem Text und schon ist alles aus den Fugen gerissen. Ja, so bin ich. Ich sehe eine Blume und meine Gedanken schweifen ab zum Wunder des Lebens. Vielen ist das häufig zu viel. Ich persönlich liebe es so zu sein. Ich bin gerne so und wenn ich ehrlich bin, sind vieles auch nur gedachte Gedanken, die einfach rausmüssen. Und wenn ich eins nicht kann, dann ist es abgewandelte Texte schreiben, die nicht den Kern dessen, was ich eigentlich sagen möchte offenlegen. Aus diesem Grund bin ich still geworden. Sehr still. Ich habe nichts richtig persönliches hier veröffentlicht. Saß die letzten Monate oder fast schon das letzte Jahr so oft hiervor und wollte so vieles einfach nur niederschreiben. Darauf losschreiben ohne Punkt und Komma, aber zu groß die Scham, dass meine Gedanken oder Gefühle zu viel sind. Gefühlen sind auch heute noch mit zu viel Scham besetzt, finde ich. Ich bin ein Mensch, der wenig Kritik aushält. Sagen kann man immer viel, aber es arbeitet alles sehr lange in mir nach. Ich mache mir über jeden Kommentar Gedanken und so kann das Gedankenkarussell schon eine ganze Weile am Laufen bleiben, wenn man sich mit seinen Gefühlen in die Öffentlichkeit traut. Warum machst du das dann? Ja, weil ich denke, dass ich etwas zu sagen habe. Etwas, dass vielleicht nicht die Welt verändert, aber das Leben eines einzelnen positiv beeinflussen kann und auch wenn es nur einen Menschen auf der Welt gibt der sagt, ich fühle mich nun weniger allein, wäre ich dafür dankbar. Und nicht zuletzt mache ich es für mich. Es ist das, was ich wirklich liebe in meinem Leben. Schreiben. Meine Gedanken niederschreiben und andere damit erreichen. Ich weiß noch als ich damals in der siebten Klasse eine Rede in einem Klassenzimmer über meine gefühlten Mobbingerfahrungen gehalten habe. Eine meiner Lehrerinnen bat mich darum, weil es ein Kind in der Klasse gab, das fürchterlich unglücklich gewesen ist und sich sehr gemobbt fühlte. Ich sollte die Klasse dafür sensibilisieren was Mobbing mit Menschen macht und ich weiß noch ganz genau, was mein Abschlusssatz gewesen ist:

„Und manchmal kann es auch der beste Weg sein zu gehen. Altes hinter sich zu lassen und sich selbst für einen Neuanfang zu entscheiden. Nicht darauf hoffen, dass die anderen sich ändern. Ich glaube, für mich persönlich gab es keine bessere Entscheidung, als einfach zu gehen.“

Eine Woche später wechselte das Mädchen die Schule und ich weiß einfach, dass ihr meine Worte gutgetan haben. Als mein Onkel vor einem Jahr plötzlich verstarb, stellte ich mich ungewollt, als auch gewollt meiner bisher größten Herausforderung – ich hielt seine Trauerrede. Eine Rede in die ich all meine Leidenschaft für Worte steckte, meine Trauer über unseren Verlust und die Liebe und Hochachtung für diesen außergewöhnlichen Menschen. Herauskam eine Rede, die er verdiente. Eine mit der ich seinem Leben genau die Ehre zollte, die angemessen gewesen ist. Niemals hätte ich gedacht, dass ich es schaffe für diesen Menschen der mich irgendwie schon immer zutiefst berührte, mich als kleines Mädchen auf seinem Schoß sitzen ließ und immer dagewesen ist, die passenden Worte raus in die Welt transportieren zu können . Meine Leidenschaft machte das Unmögliche möglich und so sprach ich fest und sicher Worte, die ankamen und blieben. Das ist meine Leidenschaft im Leben. Ich habe sie gefunden und aus Angst und Scham vor zu viel Gefühl im Leben habe ich mich davon für eine Weile verabschiedet. Aber es hat mir so sehr gefehlt. Jeden Tag aufs Neue stand ich vor meinem PC, meinem irgendwie wortlosen Blog und den alten Texten und sehnte mich all das endlich wieder aufschreiben zu können.

Im letzten Jahr führte diese Stille in mir dazu, dass ich mich beinah vollkommen verlor. Ich wurde still. Innerlich dagegen laut. Ich dachte nur noch an all meine Fehler. All die vielen Gedanken, die ich nicht loslassen konnte, bäumten sich wie Dämonen in mir auf, um gegen mich Krieg zu führen. Ich las Tischkartensprüche wie: „Deine Träume weisen dir den Weg„ und dachte nur daran welche Träume? Ich nahm immer weiter zu. Auf die Frage welchen Sport ich gerne machte, kam keine Antwort, dabei schrie mein Körper nur danach endlich wieder bewegt zu werden. Und jetzt mit diesen Worten kommen sie wieder – meine Träume. Ich will Tanzen. Barfuß auf der Wiese und rhythmisch zur Musik. Höre ich Musik vergesse ich die Welt um mich herum. Ich will die Welt bereisen und Kulturen kennenlernen. Ich will meine Angst hinter mir lassen und LEBEN. Ich will frei sein, denn wenn mir Corona eins gezeigt hat, dann das ich mich niemals mehr an den Strom der Masse klemmen werde. Während wir unsere Maßnahmen vollzogen starben Menschen vor lauter Einsamkeit. Kinder wurden misshandelt, weil man ihnen die Grundlage ihrer bis dato so halb gesicherten Existenz nahm. Menschen bekamen kein Essen, da jeglicher Kontakt eingefroren wurde. Ja, das war gut für die 80.000.000 im Ganzen, aber viel zu wenige haben sich mit dem kleinen Teil beschäftigt für den all dies das Ende bedeutet hat. Für die krebskranke Mutter, die alleine blieb in ihren letzten Tagen. Ja, auch hier spiele ich mit Emotionen, aber ich bin es so Leid eine Mörderin wegen dieser Gedanken zu sein. Dass die Zahl der Suizide hochging ist Fakt. Leider darf darüber nicht so offen und frei berichtet werden, weshalb es niergenswo steht. Die Maßnahmen waren im Rahmen auch in Ordnung. Maskenpflicht okeee. Aber das psychisch kranke Menschen in Einrichtungen niemanden mehr sehen durfte, Kinder in Heimen und Kinderdörfern ihre Eltern all die Zeit nicht sehen durften und sich jetzt an die Abstandregelungen halten müssen ist in meinen Augen nicht menschenwürdig. Ich habe viele Fragen an die Maßnahmen. Ich sage nicht, dass man die Welt nicht hätte schützen müssen, ABER wir haben dafür Opfer verlangt. Der Satz so einfach retten wir Leben und jedes Leben ist wichtig ist eine face, denn wir haben für diese LebenLeben geopfert und nicht wenige. Ich will nicht, dass wir die Maßnahmen verteufeln. Ja, es war eine vollkommen neue Situation in der keiner mit der Regierung gerne getauscht hätte, aber ich will, dass die Opfer dieser Krise gesehen werde. Als ich letztens mit jemanden darüber sprach, als es mal wieder hieß: warum bist du nur so wütend darüber. Es geht doch um das große Ganze und was wäre bloß passiert, wenn wir all das nicht gemacht hätten? Ich bin so froh für diese Regierung, antworte ich! JA, aber was ist allein mit den Kindern, die kein Mittagessen mehr in der Arche bekommen haben? Die, die einfach nicht mehr flüchten konnten von zu Hause? die Antwort: „Ja gut lass es mal ein paar tausend Kinder sein, aber wie viel Opfer hätten wir gehabt, wenn wir das nicht so gemacht hätten? Wisst ihr, ich will dass man einfach diese paar tausende Kinder SIEHT. Ich will, dass man die Opfer der Krise kennt und bennent und nicht so tut, als hätten wir alle gerettet. Nun gut, ich schweife ab. Mir ist das Leben jedes einzelnen Menschen einfach nur so unendlich wichtig und ihr seht Gerechtigkeit ist ein großer Punkt in meinem Leben.

Vor Corona war ich fast System hörig. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal einen Strafzettel bekommen habe. Jetzt muss ich sagen bin ich innerlich unfassbar gewachsen. Nicht selten stand ich während der Coronazeit an der Kasse und tat meinen Unmut über die aggressiven Worte der einzelnen Menschen kund. Wie kann man während einer Krise in der ja die ganze Zeit darüber gesprochen wird, wie sozial miteinander umgegangen werden soll – à la „Ich trage die Maske nicht für dich, sondern für mich„ der Ton in dem Menschen förmlich zur Rechenschaft gezogen werde SO stattfinden? Menschen, die einfach überfordert schienen, wurden so extrem angeschrien, dass sie sich an die Regeln halten sollte, dabei waren all die Regeln nicht einmal ansatzweise klar ersichtlich. Wäre hier eine nette Hilfestellung in diesen sozialen Zeiten nicht auch angemessen gewesen? Ja, wir alle hatten schwere Zeiten, aber von manchen Menschen ist es eben ihr gottverdammter Job Menschen durch Unsicherheiten zu führen, wie im Supermarkt der Kassier dem Kunden die Regeln dort erklären sollte. Mein Job war es psychisch kranken Menschen über 10 Wochen lang zu erklären, wieso sie ihre Liebsten und Partner nicht sehen durften und ihrem Leben trotzdem einen Sinn zu geben. (Was übrigens jetzt keinen mehr interessiert, aber danke dass ihr geklatscht habt. Den Bonus gibt es trotzdem nicht :)) Na ja, auch das ist im wesentlichen eigentlich egal. Was ich damit sagen will? Ich habe wieder damit begonnen meine Stimme wiederzufinden. Man muss nicht meiner Meinung sein, aber wenn sie zum Nachdenken anregt, ist das schon einmal etwas. Und nein, dabei muss es am Ende auch nicht zu einem „Du hast recht“ führen. Über eine Diskussion freue ich mich sehr.

Was die letzten Monate stattgefunden hat, hat mich und meine Weltansicht extrem erschüttert. Ich musste mich einmal komplett neu zurechtfinden. Das habe ich jetzt geschafft. Ich habe es auch gelernt auszuhalten, dass nahestehende Personen und ich einfach komplett anderer Meinung sind. Mein Partner hat eine ganz andere Ansicht zu den Maßnahmen und ist unendlich dankbar für so viel Kompetenz seitens der Regierung. Er fand meine viel zu tief gehenden Gedanken oftmals mehr als anstrengend und mitunter auch verbissen. Ich habe darüber nicht nur gelernt andere Meinungen zu akzeptieren, sondern auch gelernt auszuhalten, dass wir andere Träume verfolgen. Asien oder Afrika meine Träume sind meine Träume und nicht unsere. Nach wie vor wünsche ich mir nichts sehnlicher als in ein Kinderdorf in einem dritte Welt Land zu reisen. Ich möchte dahin wo es schmerzt, auch in unserer Gesellschaft. Ich möchte wirklich helfen, aber keine Marionette eines maroden Systems wie beispielsweise in der Pflege sein. In der Pflege geht es nicht mehr um Menschen. Es geht um Profit und deswegen führt mich mein Weg sobald dahin nicht mehr zurück – erstmal. Aber dafür haben wir noch viele Brennpunkte – auch hier und ich denke, ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass vielleicht Umstände öffentlich werden und zum Nachdenken anregen. Ich brauche nicht viel Geld, um glücklich zu sein, aber ich brauche meine Stimme und deswegen bin ich wieder da!

 

 

 

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Ich bin 32 Jahre jung. Mama von zwei Kindern. Einem Sohn (01/14) und einer kleinen Tochter (08/16). Gemeinsam leben wir am Stadtrand von Köln. Streifen durch die Wälder, kochen, backen und tanzen zusammen. Meinen Blog gründete ich an einem kühlen Februarmorgen im Jahr 2014, als ich nach der Geburt meines ersten Kindes wieder einmal dachte: "So wir mir, geht es sicherlich vielen anderen Eltern da draußen, wieso spricht denn keiner darüber?" In diesem Augenblick traf ich den Entschluss und offenbahrte meinem Partner: "Liebling? Ich blogge - jetzt!" und das war die Geburtsstunde meines Mamablogs. Schön, dass Du den Weg zu mir gefunden hast!
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