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Gewalt unter Kindern
Leben mit Kindern

Gewalt unter Kindern: Was ist gesund?

In der letzten Woche hat mich ein Thema ganz besonders beschäftigt: Gewalt unter Kindern. Seid ihr mit diesem Thema bereits in Berührung gekommen oder musstet euch damit auseinandersetzen, dass eure Kinder beißen, schubsen, schlagen oder gar von anderen Kindern im Kindergarten grob angegangen werden?

Als ich mich anfing mit dem Thema auseinanderzusetzen gab es zwei Meinungen. Meine, die davon ausging, dass jede noch so kleine Rauferei unter Kinder zu unterbinden ist und die unserer Erzieher, die sagen, dass Raufereien vor allem unter Jungs unheimlich wichtig sind.

Für mich ist ein Kräfte messen schon der erste Ansatz von Gewalt.

Ich bin in meiner Kindheit nie mit solch einer Art von Spielen konfrontiert worden. Streiten sich meine Kinder bin ich die Erste die neben dem Großen steht und verlangt, dass er sich bitte in die Kleine hineinversetzen soll, wenn er ihr alles aus der Hand reißt. Auch, wenn dies eigentlich sein Spielzeug ist. Ich ertrage Auseinandersetzungen unheimlich schwer. Die Kleinen tun mir fast immer leid. Konfliktlösungen waren noch nie mein Ding und Schmerzen finde ich so wieso ganz schrecklich. Das war meine Sicht der Dinge zu Gewalt, Raufereien und Konflikten unter Kindern. Bisher. Ich sage ganz bewusst bisher, denn durch eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema und dem Austausch von anderen Mamas über Instagram bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mit meiner Annahme „Raufereien in jedem Ausmaß zu unterbinden“ wirklich richtig liege.

Meine Fragestellung fing so an, dass ich mich persönlich gefragt habe, wo beginnt eigentlich Gewalt unter Kindern, die es gilt zu unterbinden? Und was sind gesunde Raufereien, die Kinder – und anscheinend insbesondere Jungs in ihrer Entwicklung benötigen?

Wo beginnt Gewalt unter Kindern?

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Kleinkindern? Und können Kinder, die keine Raufereien benötigen wirklich von sich aus STOPP dazu sagen? Mein Grund zur Sorge entstand aus dem Verhalten meines Kindes, dass sich sehr gerne im Kindergarten rauft und tobt, aber abends plötzlich ganz weinerlich in meinen Armen liegt und meint, dass es alles viel zu doll war oder er traurig ist, weil er jemandem weh getan hat. Meine Antwort eigentlich immer: „Dann musst du es sein lassen dich mit anderen Kindern zu ärgern.“

Kinder übernehmen allerdings viel zu oft Ängste und Sorgen ihrer Eltern. Vielleicht also geht es meinem Sohn mit seinem Verhalten überhaupt nicht so schlecht, sondern durch meinen Umgang mit dem Thema Gewalt bringe ich ihn dazu das was im Kindergarten passiert falsch für sich zu verarbeiten? Es kann ja sein, dass ein anderer Umgang mit dem Thema einen ganz anderen Lösungsweg oder Umgang mit unserem Kind uns letztendlich näher gebracht wird. DENN Kinder möchten gefallen. Immer. Da gibt es kein wenn und aber. Kinder möchten ihren Eltern gefallen. Was ist also, wenn mein Sohn sich plötzlich abends nicht gegenüber den Kindern schuldig fühlt, sondern uns Eltern gegenüber?

Wie komme ich zu der These, dass Agressionen von Kindern vielleicht doch wichtig ist?

Mit der Auseinandersetzung mit diesem Thema bin ich tatsächlich vermehrt auf die Annahme gestoßen, dass Kinder Raufereien für ihre Entwicklung benötigen. Vor allem dann, wenn sie in sich – ich nenne es mal – natürliche Aggressionen tragen. Nach Jesper Juul, dem Familientherapeut, sind die Aggressionen leider oft nicht Gesellschaftskonform. Sieht man ja auch irgendwie an mir, wie ich mit diesem Thema umgehe. In seinem Buch Aggressionen schildert Jesper Juul recht deutlich die Dringlichkeit von der Akzeptanz von aggressivem Verhalten bei Kindern und plädiert für einen offenen Umgang mit ihr. Er schildert recht drastisch, was mit Kindern passieren kann, die dieses Gefühl immerzu lernen müssen zu unterdrücken dadurch, dass es ein unerwünschtes Verhalten in unserer Gesellschaft ist.

Agressionen sind nicht Gesellschaftskonform

Nachdem Austausch mit vielen anderen Eltern spiegelt und dem Ablauf in ihrer Kita spiegelt sich dies auch genau so wieder, denn in vielen Kindergärten wird jegliche Rauferei oder Konflikt unmittelbar unterbunden oder geklärt. Auf den Satz der Erzieherin „Raufereien unter Jungs sind wichtig“ wurde bis zu 100 mal geantwortet, dass dies völliger Schwachsinn sei und gilt sofort zu unterbinden.

In einem ganz unabhängig davon kürzlich gelesenen Artikel von der Website Vaterfreuden stand aber auch genau das: „Solange die Situation nicht eskaliert, könnten Eltern und Erzieher ruhig einmal dabei zusehen, wenn zwei Jungs sich prügeln. Die Erfahrung ist wichtig, um die Rangordnung festzulegen und die eigene Kraft einschätzen zu können. Erst dann bekommen die Jungs ein Gefühl für sich und einen Maßstab dafür, was ein Tritt oder ein Schlag für einen anderen bedeutet.“

Zitiert von hier

Raufereien sind wichtig!

Auch hier wird also die These aufgestellt, dass körperliche Auseinandersetzungen vor allem für Jungs unheimlich wichtig sind, damit diese nicht in der Jugend auf schlimme Art und Weise ausgelebt werden, da sie diese immer unterdrücken mussten und überhaupt nicht mehr wissen, wie weh Gewalt eigentlich tun kann.

Und so fordert auch Jesper Juul ei radikales Umdenken unserer Gesellschaft: „Aggressionen sind wichtige Emotionen, die wir entschlüsseln müssen, sonst setzen wir die geistige Gesundheit, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen unserer Kinder aufs Spiel.“

Zitiert aus Aggressionen: warum sie für unsere Kinder wichtig sind

Mache ich mein Kind krank?

Das Selbstvertrauen meines Sohnes hat in den letzten Wochen extrem gelitten. Oft steht er vor mir und weint bitterliche Tränen, weil er denkt an allem Schuld zu sein. Ich dachte, vielleicht liegt es an daran, dass er sich im Kindergarten über seinen Grenzen bewegt. Vielleicht liegt es aber auch an unserem falschen Umgang mit seiner Aggression und unserem Wunsch diese zu unterdrücken? Nachdem ich mich mit dem Buch von Jesper Juul auseinandergesetzt habe birgt dieser Wunsch der Unterdrückung nämlich genau die Gefahr beim Kind ein Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu erzeugen. Spannend oder? Es wird auch immer öfter dazu geraten die Geschwister einfach mal machen zu lassen und ihre Konflikte selbst zu lösen. Kann das wirklich funktionieren? Mein persönliches Fazit geht auf jeden Fall immer mehr in die Richtung, dass es mir unheimlich leid tut im Kindergarten solch ein Faß aufgemacht zu haben. Ich denke, dass vor allem mein Umgang mit dem Thema Aggressionen sich verändern muss. Zudem bin ich aber auch sehr dankbar für die Chance auf Diskussion, die sich gerade um mich herum ergibt. Ich denke, durch ein solch offenen Umgang kann nur ein guter Lernprozess für alle Beteiligten stattfinden.

Jetzt würde ich dieses Thema gerne zur Diskussion an euch weitergeben: Wie steht ihr zu Raufereien/Gewalt unter Kindern? Unterbinden oder seht ihr auch die Notwendigkeit, die ich herausgearbeitet habe? Ich bin gespannt.

 

 

Weitere nützliche Lektüren und Links zum Thema Gewalt im Kindergartenalter:

Was tun bei Raufereien? kizz online von Ruth Eder

Faustlos durch den Kindergarten! Das Kita Handbuch

Die Kampagne Mut tut gut bildet durch ihre Kurse Kinder dazu aus sich selbst vor Gewalt zu schützen durch Konflikt- und Selbstsicherheitstraining.

Aggressionen – Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist! Das Buch von Jesper Juul

Vaterfreuden „Raufende Kinder – ist das heute noch zeitgemäß?“

 

Ich bin 30 Jahre jung und inzwischen Mama von zwei Kindern. Einem Sohn (01/14) und einer kleinen Tochter (08/16). Gemeinsam leben wir am Stadtrand von Köln. Streifen durch die Wälder. Kochen, backen und tanzen zusammen.

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